„Die Mentalität im Nahen Osten muss sich radikal ändern“

München/Deutschland | 20.09.2013 | APD | International

Der im Libanon lebende emeritierte Erzbischof der mit Rom unierten Syrisch-antiochenischen-katholischen Kirche, Flavien Joseph Melki, hat in einem Interview mit dem weltweiten katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ über die aktuelle Situation in Syrien und über die Rolle des Auslands im syrischen Bürgerkrieg gesprochen. Nach einer Zählung des Kommissariats der Vereinten Nationen gebe es 1,2 Millionen syrische Flüchtlinge, wobei noch gar nicht alle gezählt seien. Es wären noch viel mehr Flüchtlinge, die aber nicht in den von den Vereinten Nationen erfassten Flüchtlingslagern lebten. Unter ihnen befänden sich etwa 10.000 christliche Familien, die vor allem orientalischen Kirchen angehörten. „Darunter sind etwa 3.000 Familien aus unserer Kirche. Für uns Christen und alle, die unter der Kriegssituation in ihrem Land leiden, ist es eine Katastrophe“, betonte der Geistliche. Sowohl muslimische als auch christliche Flüchtlinge könnten im Libanon arbeiten, weil die Syrer dafür keine Arbeitserlaubnis bräuchten. Aber es sei momentan nicht einfach, Arbeit zu finden.

Hass zwischen den Konfessionen vertieft sich
Am Anfang habe es in Syrien keinen Religionskrieg gegeben, aber je länger der Konflikt andauere, werde er den Hass zwischen den Konfessionen vertiefen, hob der Erzbischof hervor. „Zu Beginn war es ein Schrei nach Freiheit, Gleichheit und Teilhabe an der Macht. Aber je länger der Konflikt andauert, hat er sich zu einem Krieg zwischen der muslimischen Mehrheit und Minderheit entwickelt.“ Die Sunniten würden gegen die Alawiten kämpfen. Andererseits gebe es auch Angriffe auf Christen. Die Sunniten hätten sich vereint, um zu zeigen, dass auch sie ein Recht auf ihre Milizen haben. Weil die Schiiten, die Armee der Hisbollah im Libanon, Kämpfer nach Syrien schickten, würden jetzt auch die Sunniten Waffen und Soldaten senden, um sich gegen das Assad-Regime zu wehren.

Das Assad-Regime habe die Minderheiten am meisten respektiert
In keinem arabischen und islamischen Land gebe es Demokratie, so Melki. So etwas bleibe der Mentalität dieser Region fremd. Während der gesamten Geschichte des modernen Syrien sei das Assad-Regime dasjenige, das Minderheiten am meisten respektiert habe. Niemand sei bevorzugt worden, aber alle hätten ihr Recht und ihre Würde zugesprochen bekommen. „Wir können sagen, dass die Christen während der letzten 40 Jahre in Syrien Freiheit und Gleichheit genossen haben, weil die syrische Baath-Partei, ein laiizistisches Regime, sich niemals in Religionsangelegenheiten einmischt und jegliche Glaubensrichtung respektiert.“ Sie bevorzuge keine Religion vor der anderen. „Und das gefällt vermutlich einigen Ländern nicht.“

„Solange es das islamische Gesetz gibt, gibt es keine Religionsfreiheit“
Erzbischof Melki vertritt die Ansicht, dass, die arabisch-muslimischen Länder noch nicht soweit seien, Religion und Staat auseinanderzuhalten. Die Religion werde immer der politischen Macht übergeordnet, weil das islamische Gesetz der Scharia im Gesetz verankert sein müsse. „Solange es das islamische Gesetz gibt, gibt es keine Religionsfreiheit.“ Ein Christ könne sich unter diesen Umständen niemals Muslimen entgegenstellen, es sei denn, er werde selbst Muslim. Ein Muslim dürfe dagegen niemals Christ werden. „Diese Mentalität muss sich im Nahen Osten radikal ändern. Das kann nur durch die zukünftigen Generationen verwirklicht werden.“ Die Ignoranz und der Analphabetismus regierten noch in all diesen Ländern. Die Ignoranz sei der Feind jeglichen Fortschritts. Es sei unmöglich voranzuschreiten, solange die Bevölkerung ignorant wäre.

Christen, welche die ursprünglichen Einwohner dieses Landes gewesen seien, da sie schon lange vor dem Islam da gewesen wären, hätten ihr Land nicht leichten Herzens verlassen. Aber wegen der Gewalt, des Krieges und der Armut würden sie gezwungen, ihrem Land den Rücken zu kehren. „Aber solange wir Geistliche Hirten und verantwortlich für die Christen sind, ermutigen wir die Jugendlichen, in ihrer Heimat zu bleiben, weil wir noch eine religiöse Mission erfüllen müssen“, gab der Erzbischof zu bedenken.

Bis zum Frieden wird es viele Jahre dauern
Die Flüchtlinge litten und hofften auf ihre Rückkehr und darauf, dass die Waffen schweigen. „Wenn man ein Feuer entzündet, ist es sehr schwer, es wieder zu löschen. Ich hoffe, dass die Grossmächte darüber nachdenken und dem Leiden und Hass ein Ende bereiten.“ Es brauche jetzt sehr viel Zeit, bis die Bevölkerung ihren Frieden wiederfinde. „Es gab Tote, Blut ist geflossen, Feuer hat gewütet, Ruinen türmen sich. Es braucht viele Jahre, um all das wieder aufzubauen“, schlussfolgerte Melki.

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