Das neugestaltete Logo und der neue Leitspruch des AWW. © Logo+Claim: AWW e. V.

125 Jahre Advent-Wohlfahrtswerk in Deutschland

Hannover/Deutschland | 20.09.2022 | APD | International

Das Advent-Wohlfahrtswerk (AWW) ist als Sozialwerk der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland 125 Jahre alt. Am Samstag, 17. September, wurde in einer Feierstunde in Hannover das Jubiläum begangen. Wer nach den Anfängen des AWW fragt, muss ans Ende des 19. Jahrhunderts zurückgehen. Die erste Erwähnung findet sich 1897, als sich einige Siebenten-Tags-Adventisten in Hamburg entschlossen, einen Christlichen Hilfsverein zu gründen. Denn nach den Worten Jesu im 25. Kapitel des Matthäusevangeliums erweise sich die Glaubwürdigkeit eines Christen nicht in frommen Reden, sondern im Tun guter Werke der Barmherzigkeit. Das Speisen der Hungrigen, das Kleiden der Armen und die Sorge um Hilfsbedürftige sei der einzig angemessene Dienst für Jesus und die rechte Vorbereitung auf sein Kommen, hiess es damals.

„Damit war im Wesentlichen die Vorstellung der Adventisten von christlicher Sozialarbeit umrissen, schreibt Lothar Scheel, für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit im AWW zuständig, in einem Artikel zum Jubiläum in der September-Ausgabe der Zeitschrift «Adventisten heute». Sehr schnell entstanden am Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland und anderen Ländern Europas Wohlfahrtsgruppen. Sie sammelten Nahrungsmittel und Schuhe, nähten oder änderten Kleidungsstücke und verteilten sie an Bedürftige. 1899 wurde die erste Armenkasse eingerichtet.

Anfänge in Friedensau
Noch vor der Jahrhundertwende kaufte die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten ein etwa 35 Hektar grosses Gelände in Friedensau bei Magdeburg und begann mit dem Bau und Betrieb eines Missionsseminars sowie verschiedener Gesundheits- und Sozialeinrichtungen. 1907 wurde den „Anstalten Friedensau“ ein Altenheim hinzugefügt. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren es nicht mehr nur die ohnehin schon vielen Armen, die der Hilfe bedurften. Nach Kriegsende wurden Gemeindeschwestern eingestellt, obwohl es eine „Hilfsorganisation“ im heutigen Sinne noch nicht gab.

Gründungsmitglied des „Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands“ (DPWV)
Mit dem Beginn der 1920er-Jahre nahmen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Deutschland stetig zu und damit die Notwendigkeit, aber auch die Bereitschaft der adventistischen Kirchengemeinden, den Armen zu helfen. Am 7. April 1924 wurde unter Beteiligung des AWW als Gründungsmitglied der „Fünfte Wohlfahrtsverband“ gegründet, der 1932 in den „Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband“ (DPWV) umbenannt und Mitglied der „Liga der freien Wohlfahrtspflege“ wurde. Auch die Leitung der Siebenten-Tags-Adventisten liess das AWW als Verein eintragen. Der erste Eintrag beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg erfolgte am 5. September 1927, 30 Jahre nach den ersten Anfängen.

Das Wirken von Hulda Jost
Hulda Jost wurde am 1. September 1928 Leiterin des AWW und blieb es bis zu ihrem Tod im März 1938. Lothar Scheel charakterisiert sie als charismatische Persönlichkeit mit Durchsetzungsfähigkeit und Organisationstalent. „Hulda Jost war das Gesicht des AWW in dieser Zeit.“ Mit der Gleichschaltung oder Auflösung aller Sozialwerke, einschliesslich des DPWV ab 1934, wurde das AWW der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) unterstellt. Hulda Jost nutzte ihre Kontakte zu einflussreichen Persönlichkeiten, um das AWW nicht nur am Leben zu halten, sondern das Sozialwerk als Schutzraum und Legitimation der Siebenten-Tag-Adventisten darzustellen. „Bei aller Würdigung ihrer Leistungen bleibt jedoch ein dunkler Schatten“, gab Scheel zu bedenken. „Dass sie für das verbrecherische Wesen des Nationalsozialismus offensichtlich blind war, zeigt, dass Sozialarbeit niemals unpolitisch ist oder in einem wertfreien Raum geschieht.“

Kriegs- und Nachkriegszeit
Als der Krieg ausbrach, wurde auch das AWW, das nun unter der Leitung von Otto Brozio (1938–1968) stand, zunehmend in den Dienst der kriegswichtigen Erfordernisse, insbesondere dem Krieg an der „Heimatfront“ gestellt. Auch in den ersten Nachkriegsjahren gab es faktisch keine organisierte Wohlfahrtsarbeit mehr. Überall in Deutschland herrschte Hunger. Nun waren es die Mitglieder der Siebenten-Tags-Adventisten in Übersee, insbesondere die in den USA, die in beispielhafter Weise mit Lebensmitteln, Kleidung und Dingen des täglichen Bedarfs halfen. Erst am 25. März 1949 wurde das AWW durch die Alliierten-Kommandantur in Berlin als Verein lizensiert und am 5. Juli in das Vereinsregister beim Amtsgericht Berlin eingetragen. Noch im gleichen Jahr wurde es wieder Mitglied im neugegründeten DPWV in Westdeutschland. Nun waren die Voraussetzungen geschaffen, dass sich das AWW zu jenem freikirchlichen Sozialwerk entwickeln konnte, das es heute ist. Seit 1998 ist der Verwaltungssitz und seit 2018 auch der Vereinssitz in Hannover.

Die soziale Arbeit in der DDR
Von diesen Entwicklungen blieb der Osten Deutschlands weitgehend ausgenommen. Den Adventisten in der DDR war es nicht gestattet, ein eigenes Sozialwerk zu unterhalten. Diakonische Dienste sowie Kinder- und Jugendarbeit hatten ausschliesslich innerkirchlich zu erfolgen. Lediglich im Bereich der Suchtkrankenhilfe entstand seit den 1970er-Jahren durch Einzelpersonen initiiert die Suchthilfe-Arbeit mit einem Netzwerk von Selbsthilfegruppen, das bis heute besteht. Die anerkannte Sucht-Beratungs- und Behandlungsstelle (SBB) in Chemnitz ging aus der Suchtselbsthilfe hervor. Seit den 1970er-Jahren wurde es möglich, in einige dem kommunistischen System verbundene Länder Afrikas wie Angola und Mozambique, Medikamente, Nahrungsmittel, Fahrzeuge und verschiedene Hilfsgüter zu liefern. Vereinzelt konnten bei Naturkatastrophen in sogenannten Ostblock-Ländern, wie Rumänien, Hilfsgüter gespendet werden.

Die Entwicklung des AWW seit der Wiedervereinigung 1990
Die politische Wende von 1989 und die deutsche Wiedervereinigung waren auch für das AWW eine Art „Frischzellenkur“, so Scheel. Ein wesentlicher Bereich der sozialen Tätigkeit der AWW-Helferkreise in der alten Bundesrepublik, nämlich Hilfspakte in den „Osten“ zu schicken, hatte sich über Nacht erledigt. Dafür standen im Osten die Türen für soziale Tätigkeiten aller Art sperrangelweit offen. Viele soziale Einrichtungen wurden privatisiert, Kindertagesstätten (Kitas) suchten Träger. Die Leitung der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten war jedoch vorsichtig und wartete zunächst ab.

Erst 1993 wurden schliesslich mit der SBB Chemnitz und dem Übernachtungshaus für wohnungslose Frauen in Leipzig neue Einrichtungen gegründet und in Trägerschaft des AWW übernommen. Ab 2006 begann das AWW mit der Eröffnung der Kita in Berlin-Waldfriede mit der Gründung von Kitas in eigener Trägerschaft. Um 2000 startete Walter Kopmann in Berlin eine Gründungsinitiative für einen ambulanten Hospizdienst aus der 2006 schliesslich der Verein AWW Hospiz Berlin e. V. hervorging. Der Hospiz-Gedanke war somit im AWW gepflanzt und wurde 2005 zur Gründungsinitiative für ein vollstationäres Hospiz in Lauchhammer im südlichen Land Brandenburg. 2009 wurde das erste Hospiz unter 50-prozentiger Beteiligung des AWW in Lauchhammer eröffnet. 2013 folgte die Eröffnung eines weiteren Hospizes in Uelzen. Die Flüchtlingssituation 2015 und die vielen Hilfsprojekte auch im AWW waren kein einmaliges Ereignis, sondern finden durch die Flüchtlingswelle des Ukraine-Krieges ihre Fortsetzung.

Damals wie heute sei ehrenamtliches Engagement eine tragende Säule im AWW. Denn ohne in die Gesellschaft ausgestreckte und wirksam helfende Hände werde die christliche Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen immer weniger Gehör und Annahme finden, betont Lothar Scheel. „Religiöse Themen ohne überzeugend gelebte Mitmenschlichkeit werden allenfalls ein Nischendasein in Randgruppen fristen, aber nicht mehr die Gesellschaft durchdringen und prägen.“

Neues Erscheinungsbild
Das seit Jahrzehnten bekannte Logo des AWW wurde gleichzeitig mit dem Jubiläum durch ein neues Erscheinungsbild abgelöst. Es besteht aus einem neuen Logo mit einem neuen Leitspruch (Claim). Der Neugestaltung des „Corporate Designs“ (CI) ging eine intensive Phase der Beschäftigung mit grundlegenden Fragen voraus, so das AWW in einer Mitteilung. Dazu gehörten beispielsweise: Was ist die aktuelle Situation? Worin liegen die Stärken des AWW? Und was sind die Ziele des Sozialwerkes? Der Leitgedanke „Profession und Hingabe“ sei dabei die Basis aller kommunikativen Massnahmen und mündete schliesslich in die daraus entwickelte Leitidee mit dem neuen Claim „Du bist wichtig. Wir sind da“, so das AWW.

Einrichtungen des AWW:
4 Kindertagesstätten (Berlin, Fürth, München, Bad Aibling).
- 1 Heilpädagogische Tagesstätte (Neuburg/Donau).
- 2 Suchtberatungs- und Behandlungsstelle (Chemnitz, Schwedt).
- 1 Übernachtungshaus für wohnungslose Frauen (Leipzig).
- 4 Altenpflegeheime (Friedensau bei Magdeburg, Berlin-Steglitz, Uelzen, Neandertal bei Düsseldorf, Bad Aibling).
- 2 Hospize (Lauchhammer, Uelzen).
- 1 Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderung (Gross-Umstadt bei Darmstadt).
- Adventschule Oberhavel (Oranienburg).
- Kleidersammlung- und –verwertung in Kooperation mit der Adventistischen Entwicklungs- und Katastrophenhilfe ADRA Deutschland.
Deutschlandweit sind etwa 50 AWW-Helferkreise ehrenamtlich aktiv. Sie betreiben unter anderem Suppenküchen, Tafeln, Kleiderkammern und Kleidertauschbörsen.

Weitere Informationen: www.aww.info

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